GIMP 3.0: Was sich geändert hat & warum es eine neue Chance verdient
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Das größte Hindernis der vergangenen Entwicklungsjahre war der Wechsel des Oberflächen-Frameworks von GTK2 auf GTK3. Diese Migration klingt nach einer internen Angelegenheit, hat aber unmittelbare Auswirkungen auf alles, was der Nutzer täglich sieht und anfasst. GTK3 bringt echte HiDPI-Unterstützung mit sich – Werkzeuge und Menüs skalieren auf 2K-, 4K- und 5K-Monitoren nun korrekt, ohne dass Symbole verschwommen oder winzig erscheinen.
Für Linux-Anwender besonders relevant ist die native Wayland-Unterstützung. Bisher lief GIMP unter Wayland über die Kompatibilitätsschicht XWayland, was gelegentlich zu Performanceverlusten und Eingabeproblemen führte. Mit GTK3 kommuniziert GIMP direkt mit dem Wayland-Protokoll – das verbessert die Reaktionszeit spürbar, vor allem beim Einsatz von Grafiktabletts. Außerdem lassen sich Themes nun per CSS-Dateien anpassen, was eigene Oberflächen-Designs deutlich vereinfacht.
Nicht-destruktives Bearbeiten: Der lang ersehnte Paradigmenwechsel
Jahre lang war die fehlende nicht-destruktive Bearbeitung das stärkste Argument gegen GIMP im Profi-Umfeld. Wer einen Filter anwandte, brannte ihn dauerhaft in die Ebene ein – Nachbearbeitung war nur über endlose Undo-Schritte möglich. Mit Version 3.0 gehört dieses Arbeitsmodell der Vergangenheit an. Filter bleiben nach dem Anwenden aktiv und editierbar; sie lassen sich jederzeit anpassen, deaktivieren oder entfernen, ohne die darunter liegende Bildebene zu verändern.
Möglich macht das die tiefe Integration der GEGL-Bibliothek (Generic Graphics Library), die bereits seit GIMP 2.10 im Hintergrund arbeitete, nun aber vollständig für Ebeneneffekte genutzt wird. Auch für Ebenengruppen stehen nicht-destruktive Filter bereit – wer also eine Gruppe aus mehreren Ebenen mit einem einheitlichen Helligkeits- oder Kontrasteffekt versehen möchte, kann das jetzt sauber und umkehrbar tun. Wer den klassischen Workflow bevorzugt, nutzt einfach weiterhin die Option „Filter zusammenführen“.
Mehrfachauswahl, Canvas-Erweiterung und überarbeitetes Textwerkzeug
Neben dem großen nicht-destruktiven Bearbeiten hat das Team eine ganze Reihe lang überfälliger Bedienverbesserungen eingebaut. Mehrere Ebenen, Kanäle und Pfade lassen sich nun gleichzeitig auswählen und gemeinsam verschieben oder transformieren – eine Funktion, die Photoshop-Nutzer seit Jahren selbstverständlich kennen. Eingefügte Elemente erscheinen jetzt als normale Ebene statt als „schwebende Auswahl“, was den Workflow bei der Bildbearbeitung deutlich intuitiver macht.
Das Textwerkzeug wurde grundlegend überarbeitet: Echte Fettschnitte und Kursivschriften werden nun korrekt dargestellt, statt wie bisher vom Programm simuliert zu werden. Nicht-destruktive Textumrisse erlauben es, Schrifteffekte zu gestalten und gleichzeitig den Textinhalt weiter zu bearbeiten. Mit dem neuen experimentellen Werkzeug „Paint Select“ lässt sich eine Auswahl durch malerisches Überfahren des gewünschten Bereichs erzeugen – ähnlich dem Konzept des pinselbasierten Auswählens in modernen KI-gestützten Tools. Praktisch neu ist auch das automatische Erweitern von Ebenen beim Malen über deren Rand hinaus.
Erweitertes Dateiformat-Unterstützung und verbessertes Farbmanagement
Profis, die zwischen verschiedenen Anwendungen oder Betriebssystemen arbeiten, profitieren von der deutlich verbreiterten Formatunterstützung. Neben den bekannten Formaten liest und schreibt GIMP 3.0 nun macOS-ICNS-Icons, Windows-Cursor im CUR- und ANI-Format sowie das Amiga-Format ILBM/IFF. Für zeitgemäße Workflows kommen die modernen Formate QOI und JPEG XL hinzu; Letzteres gewinnt in der Fotobranche zunehmend an Bedeutung.

Beim Farbmanagement hat das Team ebenfalls nachgelegt. GIMP unterstützt nun RGB-Farbräume jenseits von sRGB, darunter Adobe RGB – ein wichtiger Schritt für alle, die im erweiterten Farbgamut arbeiten oder Bilder für den professionellen Druck vorbereiten. Die Grundlagen für künftige CMYK- und LAB-Modi wurden gelegt, auch wenn diese noch nicht vollständig implementiert sind. Das Soft-Proofing, also die Simulation von Druckfarben auf dem Monitor, funktioniert präziser als in der Vorgängerversion.
Plugin-Ökosystem und Skript-API: Chance und Bruch zugleich
Mit der neuen Version überarbeitete das Team die öffentliche Programmierschnittstelle grundlegend. Neben den bisherigen Sprachen C und TinyScheme unterstützt GIMP 3.0 jetzt auch JavaScript, Lua und Vala als Skriptsprachen; Python wird fortan in der modernen Version 3 eingesetzt statt in der veralteten Version 2. Das öffnet die Plattform für eine breitere Entwicklergemeinschaft und erleichtert die Anbindung an externe Werkzeuge.
Allerdings gibt es einen Haken: Plugins aus GIMP 2.10 funktionieren ohne Anpassung nicht mehr. Wer auf bestimmte Erweiterungen angewiesen ist, muss prüfen, ob die jeweiligen Entwickler ihre Plugins bereits portiert haben. Das GIMP-Team hat diesen Bruch bewusst in Kauf genommen, um eine sauberere und zukunftsfähigere API zu schaffen. Viele populäre Plugins wurden bereits angepasst, andere folgen nach; es empfiehlt sich also ein Blick in die jeweiligen Repositories vor dem Upgrade.
Roadmap und Entwicklungstempo: Warum Version 3.2 bereits in Sicht ist
Mit dem Abschluss der GTK3-Migration ist die größte technische Hürde in der GIMP-Geschichte genommen. Das Entwicklerteam hat angekündigt, den Releaseplan grundlegend zu ändern: Statt weiterer Jahre bis zur nächsten Hauptversion soll GIMP 3.2 bereits innerhalb eines Jahres erscheinen. Bugfix-Releases unter der 3.0.x-Linie landen entsprechend schneller beim Nutzer, während neue Funktionen gezielt in Nebenversionen fließen.

Auf der Roadmap für Version 3.2 stehen Features, die das Programm noch einmal spürbar aufwerten dürften: Linked Layers nach dem Vorbild von Smart Objects sowie Vektorebenen direkt in GIMP – beides Funktionen, die bisher ein klares Argument für Konkurrenzprodukte waren. Eine neu gegründete UX-Design-Gruppe arbeitet außerdem daran, die Benutzeroberfläche auf Basis echter Nutzerfeedbacks zu modernisieren. Es ist das erste Mal seit langer Zeit, dass GIMP wieder mit konkreten Versprechen und kurzfristigen Timelines punkten kann.
Fazit zu GIMP 3.0 als neuer Chance
